Martin Luther Evangelical Lutheran Church
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A bilingual Christian congregation (German and English) in the west end of Toronto.
Eine zweisprachige Evangelische Gemeinde (Deutsch und Englisch) im Westen Torontos.

Predigt
09. Januar 2005

Predigt „Was hat Gott mit Naturkatastrophen zu tun?“, 09.01.2005

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen. Amen.

Liebe Gemeinde,

2005 ist das Jubiläumsjahr unserer Gemeinde. Wir werden Veranstaltungen planen und durchführen, Feste feiern und diesen Anlass gebührend begehen. Ich habe mir gedacht, dass dieses Jubiläumsjahr auch in anderer Hinsicht besonders sein kann, nämlich so, dass wir im Laufe dieses Jahres einmal durch die ganze Bibel gehen und Sie hier Predigten zu unterschiedlichsten biblischen Büchern hören werden. Manchmal sind Texte dabei, die Sie kennen, manchmal solche, die Sie vielleicht noch nie gehört haben. Und ich will natürlich auch versuchen, einen aktuellen Bezug herzustellen und Themen zu behandeln, die aktuell sind.

Aus gegebenem Anlass ist das Thema der Predigt heute: „Was hat Gott mit Naturkatastrophen zu tun?“

Wenn solche unvorstellbaren Tragödien, wie im Indischen Ozean, geschehen, gibt es zwei unterschiedliche und absolut gegensätzliche Reaktionen, und so war das nun auch wieder.

Die einen fragen sich: Wie kann Gott das zulassen? Und damit werden wieder all die religiösen Zweifel wach, die jedes Mal, wenn Unglück, Krieg und Tod es in die Medien schaffen, oder etwas im persönlichen Umfeld passiert, Menschen verunsichert.

Andere suchen gerade in der Religion, im Glauben Halt, wenn so etwas geschieht; oft auch Leute, die sonst gar nicht religiös sind, wenden sich zu Gott, weil sie nicht wissen, wo sonst noch Hilfe herkommen soll oder wie sie sonst ein solches Desaster überhaupt verarbeiten sollen.

Sie haben vielleicht auch Bilder dieser Woche gesehen, wo in Thailand in einem Stadion Menschen in einem Meer von Kerzen saßen und betend der Opfer gedachten – Buddhisten, Muslims und Christen in Eintracht zusammen, nebenbei bemerkt. 

Was hat Gott denn nun mit einem solchen Tsunami zu tun?

Nun, in der Bibel gibt es einige Geschichten, in denen Naturkatastrophen geschehen. In der Noahgeschichte zum Beispiel:

1. Mose 6: 5Als aber der HERR sah, daß der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar, 6da reute es ihn, daß er die Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen, 7und er sprach: Ich will die Menschen, die ich geschaffen habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis hin zum Vieh und bis zum Gewürm und bis zu den Vögeln unter dem Himmel; denn es reut mich, daß ich sie gemacht habe. 8Aber Noah fand Gnade vor dem HERRN.

So fängt die Geschichte an, die wir alle gut kennen. 40 Tage und vierzig Nächte Regen, wie aus Eimern, alles geht unter, bis auf Noah, seine Familie und die Tiere in der Arche.

Bei Jesaja 51, 15 heißt es: Denn ich bin der HERR, dein Gott, der das Meer erregt, daß seine Wellen wüten.

Gott bringt Feuer und Schwefel. Sodom und Gomorra, schon mal gehört? Warum geht die Stadt unter?

1. Mose 19, 13: Wir werden diese Stätte verderben, weil das Geschrei über sie groß ist vor dem HERRN; der hat uns gesandt, sie zu verderben.

1. Mose 19: 24+25: 24Da ließ der HERR Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorra a 25und vernichtete die Städte und die ganze Gegend und alle Einwohner der Städte und was auf dem Lande gewachsen war.

Die zehn Plagen, die Gott über Ägypten schickt, sind allesamt Naturkatastrophen.

Bei der Befreiung der Israeliten aus Ägypten, als die Israeliten trockenen Fußes durch das Schilfmeer gehen konnten und die Ägyptischen Soldaten dann im Wasser umkommen:

2. Mose 28-30: 28Und das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Männer, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, so daß nicht einer von ihnen übrig blieb. 29Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 30So errettete der HERR an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen.

Es lassen sich noch andere Bespiele finden:

Dass Gott Stürme schickt (Psalm 48, 8: Psalm 83,16); oder Hagel: (Psalm 78, 47; Psalm 105, 32)

Ich will es dabei bewenden lassen. Denn was ja eigentlich daraus folgen müsste, ist die Feststellung, dass Gott auch diese Welle geschickt hat, die über 200.000 Menschen in Asien das Leben gekostet hat. Aber wie passt ein solcher Satz damit zusammen, dass wir doch einen gnädigen, einen barmherzigen Gott haben, der immerhin nach der Sintflut mit Noah einen Bund schließt und verspricht:

1. Mose 8: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen; denn das bDichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf. Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe. 22Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

1. Mose 9, 15:            Alsdann will ich gedenken an meinen Bund zwischen mir und euch und allem lebendigen Getier unter allem Fleisch, daß hinfort keine Sintflut mehr komme, die alles Fleisch verderbe.

Wie passen die bestrafenden Katastrophen zu einem Gott, von dem es an anderer Stelle heißt: Gott ist die Liebe. Nicht: Gott liebt gelegentlich, wen er will, sondern Gott ist die Liebe.

Das erste, was wir lernen ist vielleicht, dass Leute, die Pastoren werden, Theologie studieren, um genügend Zeit zu haben, auf solche Fragen eine Antwort zu finden. Vieles hängt an der Frage, wie wir die Bibel grundsätzlich verstehen und sehen können, das führt jetzt zu weit.

Aber ich will zunächst etwas hervorheben, was in diesen Texten, die ich genannt habe, sehr wesentlich sind: Die Naturkatastrophen stehen in der Bibel in Zusammenhang mit der Bosheit von Menschen. Gott macht nach dem ersten Buch Mose die Schöpfung der Menschen fast – bis auf Noah – deswegen rückgängig, wie es dort heißt, weil er die Bosheit der Menschen so leid ist, dass er bereut, sie überhaupt geschaffen zu haben. Sodom und Gomorra ist ein Inbegriff für Bosheit und Unordnung, die zum Himmel stinkt.

Aber macht das das Problem nicht schlimmer? Wäre dann die Schlussfolgerung daraus, dass offensichtlich so viele böse Menschen um den Indischen Ozean herum wohnen, dass dies der Grund für deren Vernichtung ist? – Ich habe zum Glück bislang noch keinen fundamentalistischen Bibelprediger gehört, der dies behauptet hat. Normalerweise ist man in diesen Kreisen immer sehr schnell damit, zu sagen, dass Leute für ihr Unglück, was immer es ist, schuldig sind, weil man Gott eben so etwas nicht in die Schuhe schieben kann.

Ich werde gleich das Knäuel entwirren, was ich hier gerade verursache, aber ich möchte Sie einladen, noch einen Schritt mit mir gedanklich weiter mitzugehen, damit Sie die Wurzel aller dieser Fragen nach Gottes Beteiligung an Naturkatastrophen, ja auch an Kriegen, an dem Bösen in der Welt, verstehen. Und das hat damit zu tun, dass im Glauben an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs und Jesu Christi, Gott als der Schöpfer dieser Welt geglaubt wird. Und wenn Gott alles, was ist, geschaffen hat, ja dann müsste das doch logischerweise auch alle Erdbeben, Vulkanausbrüche und Tsunamis mit einschließen, und dann wäre er doch letztlich auch der Urheber alles Unglücks. Leid, Schmerz und Tod als Folge der Katastrophen und als Endpunkt einer Entwicklung, die mit Gottes Schöpfung angefangen hat. Gott ist der Schöpfer, also kann es nichts geben, was Gott nicht geschaffen hat. An diesem Problem haben sich seit Menschen an Gott glauben die Gläubigen und die Gelehrten die Zähne ausgebissen.

Denn das hat auch mit der Frage nach Gottes Allmacht zu tun. Gott wäre ja nicht der Allmächtige, wenn es irgendetwas gäbe, was er nicht unter Kontrolle hat.

Auch wenn das jetzt keine hohe Theologie ist, was ich sage: Diese Verursacherdiskussion um Gott ist doch sehr theoretisch und löst das Problem genauso wenig, als wenn ich sagen würde: “Einer der ein Küchenmesser herstellt, ist ein Mörder, weil einer mit dem Küchenmesser umgebracht werden kann.“ Oder einer der Autos erfindet nimmt billigend in Kauf, dass einer betrunken damit fährt und einen Unfall verursacht.“

Entwirren des Knäuels, Teil eins: Es ist doch klar, denke ich, dass nicht immer alles eine logische Folge von etwas anderem ist. Wenn also Menschen sterben, muss nicht die Folge sein, dass Gott diese Leute nicht liebt. Anders herum, Gott lässt, wenn Sie so wollen, ja auch die nicht unbedingt ungeschoren, die seinem Willen folgen. Ich kenne gute Christen, denen verflixt viel Unglück passiert ist. Die armen Menschen in Asien konnten überhaupt nichts dafür. Die Welle ist Folge von Kontinentalplattenverschiebungen, die sich aufgestaut und entladen haben und die Natur hat eine Macht, die wir vielleicht lange schon nicht mehr so deutlich vor Augen geführt bekommen haben.

Also: Nicht alles hat folgerichtig auch mit dem anderen zu tun. Diese Welt ist nicht bis ins letzte für uns Menschen berechenbar und wir werden bei vielen Dingen Mühe haben, einen Verursacher, einen Schuldigen zu finden. Und als letzter steht, wenn Sie wollen, immer Gott in der Reihe.

Sie müssen aber auch wissen, dass die Idee von Gottes Allmacht der Versuch ist, etwas zu klären, was wir vermutlich gar nicht klären können. Diese ganze Frage ist von dem Allroundgenie Gottfried Wilhelm Leibniz als Prinzip erfunden worden. Er war der Meinung: Die Erklärung des Schlimmen, was Menschen widerfährt, ist die Schuld der Menschen selbst. Das Übel, was Menschen erleiden, ist die Folge von ihren moralischen Verfehlungen, die wiederum damit zu tun haben, dass kein Wesen außer Gott vollkommen ist, womit wir fast wieder bei den Fernsehpredigern gelandet sind.

Ich halte es mit Martin Luther, der sich mit dem Gedanken gerettet hat, den ich bis heute eigentlich am hilfreichsten finde: Es gibt Dinge, die wir nicht verstehen. Wir wissen nicht, warum Gott Leid zulässt und Menschen sterben lässt, die es ganz offensichtlich nicht verdient haben. Er spricht vom „verborgenen“ Gott, vom „Deus absconditus“, der uns nicht den Gefallen tut, zu erklären, warum er bestimmte Dinge nicht verhindert. Die Warum-Frage zu klären, wäre also so, als könnte man in Gottes Gehirn gucken, um dann alles in einen großen rationalen Zusammenhang bringen zu können. Und das hat mit unserer Suche zu tun, dass es doch für alles eine Erklärung geben muss. Gibt es vermutlich auch, aber nicht für uns Menschen.

Was Gott sich dabei denkt, dass Böses geschieht? – Keiner weiß es. Das finde ich wenigstens ehrlich.

Und um noch einmal auf die Texte zurückzukommen: Es sind nicht nur Geschichten, die lustvoll den Untergang von etwas berichten, wo man das Gefühl hat, dass Gott sich darin gefällt, den Schalter umzulegen und schon regnets oder hagelts oder stürmts. Es sind zur selben Zeit immer auch Rettungsgeschichten. Es sind Geschichten, in denen Gott nicht nur Emotionen gegenüber den Opfern zeigt, sondern zugleich Gefühle für die Geretteten hat. Es sind, wenn Sie so wollen, einseitige Geschichten, die aus der Perspektive der Überlebenden eine Erklärung für ihre Rettung abgeben, wie wir sie alle auch abgeben würden, wenn wir Furchtbares überlebt hätten. Haben Sie gehört, was die gesagt haben, die dem Unglück in Asien entkommen sind: Sie sind Gott dankbar gewesen, dass er sie hat davon kommen lassen.

Wer ist Gott? Was hat er mit dem Tsunami zu tun?

Was wir wissen sollten ist dies: Unsere Welt ist keine heile Welt, kein Paradies, kein Eiland, wo es Leid und Schmerz und Tod und Sünde nicht gibt. All das gibt es, dazu noch unvorstellbare Naturmächte, an die wir wieder einmal erinnert worden sind. Diese Naturmächte hat es immer gegeben und wird es immer geben. So sicher, wie wir sterben müssen, wie auch immer, ist auch sicher, dass dieser Planet aktiv ist und wir ihm oft unser Überleben abtrotzen müssen. Das ist nicht so eingerichtet, damit wir es schwer haben, sondern es ist die Realität des Lebens schlechthin, von der wir uns, so denke ich, immer mehr entfernt haben, weil wir denken, wir wären allmächtig, wir könnten als Menschen mal eben alles in den Griff kriegen, den Tod besiegen, ewig leben, alles vorhersagen und das Leid und alle Katastrophen vermeiden. Wir werden niemals an diesen Punkt kommen. Es ist eher so, dass wir zu unserem Lebensumfeld stets weitere menschlich eindeutig verursachte Katastrophen hinzufügen: Klimakatastrophe, Vernichtung von Arten, Raubbau an der Natur, Kriege und Unruhen. Bevor wir auf Gott gucken, müssen wir neu unterscheiden lernen, wo wir Anteil an diesen Dingen haben.

Was wir wissen ist, dass Gott das Problem der Bestrafung für Sünde nach dem christlichen Verständnis so gelöst hat, dass er Jesus Christus stellvertretend für uns alle am Kreuz sterben liess. Gott verursacht und will keine weiteren Opfer. Er schickt nicht mal eben Leid, um doch noch etwas nachzubessern. Wir sind erlöst – alle. Das schließt nicht nur Christen ein, weil diese Botschaft von Gott aus allen gilt.

Was als Frage bleibt ist, warum Gott, wenn er die Macht hat, ein Universum zu schaffen, nicht etwas verhindert, was 200.000 Menschen das Leben kostet und Kindern zu Waisen macht. Antwort – noch einmal: Ich weiß es nicht.

Was bleibt: Der deutliche Hinweis, dass Gott Menschen trotzdem im Leid nicht einfach allein laesst und sagt, was kümmert mich das. Selbst im Leid geschehen Wunder, die ohne, was geschehen ist, nicht passieren würden, dass die Welt zum Beispiel endlich mal zusammenrückt und gemeinsam geholfen werden wird, dass Christen und Muslims und Buddhisten ihre albernen Konflikte für einen Augenblick vergessen und zusammen Schulen aufbauen oder sich zum Gebet zusammenfinden.

Was bleibt ist, dass wir wissen, was auch immer in dieser Welt geschieht, dies eben doch nicht alles ist, so überwältigend diese Welt manchmal auch sein kann, im negativen, wie im positiven Sinne. Es kommt noch etwas, was die Dinge wieder in Ordnung bringt. Dies zu glauben ist ein Weg, mit der Katastrophe zurechtzukommen, Halt zu finden, nicht sich verloren vorzukommen in einer bedrohlichen Welt, sondern schon jetzt aus dieser Welt herausgerufen zu sein und ein Ziel vor Augen zu haben, was jenseits dieser Welt liegt. Das überwiegt für mich bei Weitem alles, was auch immer es ist, was auch immer hier auf dieser Welt geschieht, sei es durch Menschen selbst verursacht, sei es als Naturereignis, sei es im Wissen und Beisein Gottes. Ich klammere mich, obwohl ich auch nicht alle Knäuel entwirren kann, daran, dass Gott sein Wort schon halten wird. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, unserm Herrn. Amen

 

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