Martin Luther Evangelical Lutheran Church
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A bilingual Christian congregation (German and English) in the west end of Toronto.
Eine zweisprachige Evangelische Gemeinde (Deutsch und Englisch) im Westen Torontos.

Pastor Alexander Mielke am Buß- und Bettag, Predigt zu 1. Timotheus 2, 1-7 (inkl. 1, 17) 21. November 2007, Martin-Luther-Kirche, Toronto

 Liebe Gemeinde!

„Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ Es ist ein zentrales Wort der Bibel, das wir heute hören, ein wichtiges und grundlegendes. Und das Erstaunliche ist: Sein Thema ist das Gebet. Aber wir merken schnell, hier geht es nicht um ein Gebet im stillen Kämmerlein, jedenfalls nicht um ein Gebet, dessen Anliegen sich mit dem stillen Kämmerlein begnügen. Paulus leitet uns hier an zu einem Gebet mit einem ganz weiten Blick und einem langen Atem, zu einem Gebet, das die ganze Welt in den Blick nimmt. Martin Luther hat gesagt: „Menschen, die beten, sind wie Säulen, die das Dach der Welt tragen.“ Das ist auch die Überzeugung von Paulus, und darum macht er uns hier das Gebet dringlich.

Ist uns bewusst, wie dringlich das Gebet ist? Wie sehr wir es brauchen? Ist uns die Brisanz klar, die dieses Wort des Paulus hat: „So ermahne ich nun, dass man vor allen Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen, für die Könige und alle Obrigkeit“? Es mag in unseren Ohren ein wenig merkwürdig klingen, dass wir für Könige und Obrigkeit beten sollen. Aber wie dringend dieses Gebet sein kann, wie lebensnotwendig, das habe ich gespürt, als ich vor einiger Zeit einem evangelischen Christen begegnete, der seit einigen Jahren Marokko lebte und dort eine Sprachenschule mit aufgebaut hatte. Er erlebte hautnah die Situation der wenigen Christen in diesem fast rein islamischen Land mit, und er merkte dort, welche Dringlichkeit das Gebet für die Könige hat, zu dem Paulus hier anleitet. Von den Königen Marokkos, früher Hassan II., inzwischen Mohammed VI., hing das Schicksal der Christen ab. Wenn er das Recht beachtete und die verschiedenen Volks- und Religionsgruppen berücksichtigte, durften auch die Christen unter ihm einigermaßen in Sicherheit leben, wenn auch mit starken Einschränkungen natürlich.

Den wenigen Christen in Marokko ist das Gebet sehr dringlich, denn sie haben die Gefahr täglich vor Augen, dass es auch ganz anders kommen könnte in diesem Land. Darin gleicht ihre Situation der der Christen zur Zeit des Neuen Testamentes. Wie ist mit uns? Ist uns das Gebet zu Gott dringlich, damit wir bewahrt werden vor großen Nöten und Gefahren? Und damit auch den Menschen und Völkern dieser Welt Friede ermöglicht und bewahrt wird?

Paulus will uns das Gebet wichtig und wertvoll machen. Er macht deutlich, dass das Gebet eine Quelle der Kraft und der Hoffnung ist. Er lädt uns ein zu entdecken: Das Gebet ist das Kraftzentrum unseres Lebens und das Kraftzentrum unserer Welt. Denn das ist die weite Perspektive des Gebets bei Paulus: die Könige, der Kaiser, alle Menschen, die Geschichte, die ganze Welt, alle sind in das Gebet der Christen eingeschlossen. So groß wie die Welt ist, so weit ist die Perspektive des Gebets bei Paulus. Das Gebet will Paulus uns wichtig machen, denn wir dürfen hier Jesus an unserer Seite entdecken, Jesus, der die Sorgen unseres kleinen Lebens kennt und uns nie allein lässt. Aber mehr noch können wir im Gebet entdecken, nämlich Gott als den Herrn der Welt. Gott, aus dessen Händen diese große Welt kommt. Und Gott, dessen guten Händen wir diese Welt im Gebet wieder anvertrauen.

Und Paulus unterstreicht: Gott braucht unsere Hände. Unsere tätigen Hände, die zupacken und anpacken können, damit Menschen geholfen wird. Aber vorher schon unsere betenden Hände. Unsere gefalteten Hände, die einstimmen in Gottes Friedensbotschaft. Das ist ja der Sinn des Händefaltens, so wie wir es von unseren germanischen Vorfahren her übernommen haben. Die Waffen werden weggelegt, die Hände sind leer von Bosheit und Feindschaft, wir zeigen unsere Bereitschaft, uns von Gott führen zu lassen, unsere Bereitschaft, seinen Willen zu tun. Aber die betenden Hände können wir auch wie eine offene Schale Gott hinhalten, dann erbitten wir Gottes Hilfe, dann öffnen wir uns Gottes Liebe und Güte, damit sie als neue Kraft in unsere Hände und in unser Leben fließt.

Gott will beides von uns: Unsere betenden Hände, die in seine Friedensbotschaft einstimmen und sich von ihr Kraft geben lassen. Und unsere tätigen Hände, die zupacken und anpacken, um den Menschen zu helfen. Denn Gott will uns als Mitarbeiter an seinem Reich des Friedens und der Liebe. Friedrich Christoph Oetinger, ein schwäbischer Theologe des 18. Jahrhunderts, hat das so ausgedrückt: „Beter sind Gottes Mitarbeiter. Nicht nur unser Handeln, auch unser Beten ist ein Wirken mit Gott. Im Gebet breiten wir unser Leben vor Gott aus. Je besser unser Einblick in sein Werk, je schärfer unser Hören auf sein Wort wird, um so fruchtbarer, wahrer, wirksamer und verheißungsvoller wird unser Gebet.“ Gott will uns als Mitarbeiter. Das bedeutet: Unsere Hände im Gebet offen für Gott. Und unsere Hände in der Tat der Liebe offen für unsere Mitmenschen.

Machen wir uns klar: Paulus spricht hier nicht nur vom persönlichen Gebet der Christen, sondern er spricht vom Gebet der Gemeinde, vom gottesdienstlichen Gebet. Was Paulus meint, merken wir besonders deutlich an der Fürbitte, die wir gegen Schluss des Gottesdienstes tun. Hoffentlich rücken die Fürbitten nicht auch an den Rand unseres Interesses, als etwas, das halt auch noch kommt, das hoffentlich nicht zu lange dauert und hoffentlich schnell überstanden ist. Das Fürbittengebet gehört in das Zentrum des Gottesdienstes. Manchmal spüren wir das, wenn wir erleben, das Gebet des Pastors, bedenkt das, was uns gerade Sorgen macht, und wir spüren, welche Kraft, welcher Zuspruch uns zuströmt aus diesem Fürbittengebet.

In diesem Sinne macht Gottfried Voigt uns das Fürbittengebet wichtig. Gottfried Voigt war lange Zeit Leiter des evangelischen Predigerseminars in der damaligen DDR (Leipzig), und in seiner „Homiletischen Auslegung“ dieses 1. Timotheus-Textes schreibt er: „Hat man einmal begriffen, was die Fürbitte der Gemeinde soll und tut, dann müsste es eigentlich unmöglich sein, dass man gelangweilt abschaltet, während die vermeintliche liturgische Walze rotiert; man müsste eigentlich unter Einsatz aller Kräfte des Herzens dabei sein und wie bei einem im Schlamm festgefahrenen Wagen in die Speichen greifen.“ Das ist die Aufgabe des Fürbittengebets, die Nöte der Menschen in den Blick zu nehmen, sie zuerst vor Gott zu tragen, um sie dann in der Kraft Gottes anzupacken. Darum sagt Gottfried Voigt auch: „Gebet ist ein Stück Arbeit - Arbeit der Herzen.“ Und diese Arbeit ist eine wichtige Aufgabe der christlichen Gemeinde, darin nimmt sie teil am helfenden und rettenden Wirken unseres Herrn Jesus Christus. So schreibt es Paulus: „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Denn es ist ein Gott und ein Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus, der sich selbst gegeben hat für alle zur Erlösung.“ Christus hat alle im Blick, er hat sich für alle eingesetzt bis hin zur Hingabe seines Lebens am Kreuz. Und an diesem seinem Einsatz nehmen wir als christliche Gemeinde teil, wenn wir im Fürbittengebet am Sonntag die notleidenden Menschen in den Blick nehmen, um ihnen dann am Werktag in der Liebe tatkräftig zur Seite zu stehen.

In diesem Sinne ist das Gebet eine der vier Dimensionen, in denen die Kirche leben und wirken muss, wenn sie denn wirklich Kirche Jesu Christi sein will. „Martyria“ und „Diakonia“, „Leiturgia“ und „Koinonia“, das sind die vier griechischen  Leitworte, die seit dem Anfang der Christenheit als das Wesen der Kirche erkannt worden sind. „Martyria“, „Zeugnis“ - wir haben die Botschaft von Christus, dem Heiland der Welt zu bezeugen und zu predigen. „Diakonia“, „Dienst“ - das Wort braucht die Tat, denn in der Tat der Liebe bezeugen wir die Liebe Gottes so, dass Menschen sie erfahren und verstehen können. „Leiturgia“, „Gebet und Gottesdienst“ sind die Kraftquelle des christlichen Lebens, hier erfahren wir Stärkung und neue Ausrichtung durch Gottes Zusagen. Und dann „Koinonia“/“Gemeinschaft“ - Christen sind keine Einzelkämpfer, sondern helfen zusammen, feiern und erleben gemeinsam immer wieder die Gegenwart ihres guten Herrn in ihrer Mitte. „Martyria, Diakonia, Leiturgia, Koinonia“ - das sind die vier Merkmale einer christlichen Gemeinde, „Zeugnis“ und „Dienst“, „Gebet“ und „Gemeinschaft“ - darin empfängt sie ihre Kraft, darin lebt sie.

Wofür sollen wir beten? Wofür sollen wir Fürbitte tun? Das ist nicht schwer für uns zu wissen. Adolf Sommerauer hat in seinem Buch „Experimente mit Gott“ darauf hingewiesen, dass wir einen guten Leitfaden für unser Beten haben, er sagt: „Wir haben ein Gebet, in dem der Atem Christi für alle Zeiten und für alle Menschen lebendig ist: das Vaterunser.“ Im Vaterunser, im Gebet, das Jesus selbst uns gelehrt hat, darin ist „der Atem Christi lebendig“. Und was sind die ersten Bitten des Vaterunsers? „Geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe.“ Damit wird die Richtung für unser Beten und Handeln vorgegeben. Gott soll geehrt und sein Name heilig gehalten werden. Sein Reich des Friedens, der Gerechtigkeit und der Liebe soll in dieser Welt wachsen. Und sein Wille soll durch unser Reden und Tun geschehen. 

Wir brauchen uns nur umzuschauen in unserer Familie und Nachbarschaft. Wir brauchen nur einen Blick auf die erste Seite der Tageszeitung zu werfen. Und uns fällt genug auf, wo unser Gebet dringend notwendig ist. Wo Menschen dringend Hilfe und Wegweisung von Gott brauchen. Wo dem Unfrieden zwischen Völkern und Religionen gewehrt werden muss, wo wir für die Ehre Gottes und die Würde der Menschen eintreten müssen.

Jesus Christus sagt: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Und: „Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Paulus ermutigt uns dazu, dies in unserem Gebet zu entdecken und zu feiern. Und damit das Gebet als Kraftzentrum unseres Lebens und dieser Welt wahrzunehmen, denn Jesus ist an unserer Seite, allezeit, überall, und diese Welt ist in Gottes Hand, allezeit, überall. Amen.

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