Martin Luther Evangelical Lutheran Church
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A bilingual Christian congregation (German and English) in the west end of Toronto.
Eine zweisprachige Evangelische Gemeinde (Deutsch und Englisch) im Westen Torontos.

 

Predigt

Letzte Aktualizierung:   18 August 2011

Septuagesimae Roemer 9, 14-26
Pastor Alexander Mielke 20.01.2008 MLC

14 Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne!
15 Denn er spricht zu Mose (2.Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.«
16 So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.
17 Denn die Schrift sagt zum Pharao (2.Mose 9,16): »Eben dazu habe ich dich erweckt, damit ich an dir meine Macht erweise und damit mein Name auf der ganzen Erde verkündigt werde.«
18 So erbarmt er sich nun, wessen er will, und verstockt, wen er will.
19 Nun sagst du zu mir: Warum beschuldigt er uns dann noch? Wer kann seinem Willen widerstehen?
20 Ja, lieber Mensch, wer bist du denn, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch ein Werk zu seinem Meister: Warum machst du mich so?
21 Hat nicht ein Töpfer Macht über den Ton, aus demselben Klumpen ein Gefäß zu ehrenvollem und ein anderes zu nicht ehrenvollem Gebrauch zu machen?
22 Da Gott seinen Zorn erzeigen und seine Macht kundtun wollte, hat er mit großer Geduld ertragen die Gefäße des Zorns, die zum Verderben bestimmt waren,
23 damit er den Reichtum seiner Herrlichkeit kundtue an den Gefäßen der Barmherzigkeit, die er zuvor bereitet hatte zur Herrlichkeit.
24 Dazu hat er uns berufen, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden.
25 Wie er denn auch durch Hosea spricht (Hosea 2,25; 2,1): »Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war, und meine Geliebte, die nicht meine Geliebte war.«
26 »Und es soll geschehen: Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: "Ihr seid nicht mein Volk", sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.«

Liebe Gemeinde!

Martin Luther hat einmal gesagt: "Dem Menschen ist es nicht moeglich, Beginn und Ende zu bestimmen. Es ist gegen den freien Willen gesagt, dass wir nicht ueber die Zeit verfuegen koennen. Folglich bemuehen sich die Menschen umsonst, und sie erreichen auch nichts, bevor nicht Gott Zeit und Stunde festgesetzt hat." 

Das ist die Grundaussage auch dieses Abschnitts aus dem Roemerbrief, in dem Paulus betont: Gott ist Herr der Geschichte. Er schenkt besondere Zeiten, in denen sein Ruf zu hoeren und seine Gnade zu erfahren ist. Das liegt in Gottes Hand, nicht in der Hand von uns Menschen. 

Das Thema dieser Verse aus Roemer 9 wird oft "Praedestination" oder "Gottes Erwaehlung" genannt, und das ist nicht einfach zu verstehen. Meine Predigt heute soll zwei Teile haben. Einen ersten, der dieses Thema grundsaetzlich behandelt. Einen zweiten Teil, wo ich berichten moechte, wie ich Gottes Ruf und Erwaehlung im Volk der Massai erleben konnte.

Paulus betont, dass der freie Wille des Menschen vor Gott keine Kraft hat. Er zitiert Exodus 33, wie Gott sagt:

"Wem ich gnaedig bin, dem bin ich gnaedig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich." (V.15)

Und dann unterstreicht Paulus (V.16):

"So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen."

Die Praedestinationslehre hat bei den Reformatoren eine grosse Rolle gespielt. Bei Johannes Calvin immer, was sehr stark die Reformierten Kirchen gepraegt hat. Bei Martin Luther am Anfang, aber spaeter nicht mehr so sehr.

Als Luther gegen den grossen Humanisten Erasmus seine beruehmte Schrift verfasste "Vom unfreien Willen", da betonte er, dass der Mensch voellig von Gott abhaengig ist, dass Gottes Erwaehlung alles ist, wovor der Wille und die guten Werke des Menschen keinerlei Bedeutung haben. Aber in seinen beiden Katechismen schrieb er dazu kaum etwas, obwohl sie die Grundlage des evangelischen Glaubens darstellen sollten.

Die grosse Frage, die sich dann stellte, auch fuer uns, war: Wie verhaelt sich Roemer 9 zu 1. Timotheus 2,4, wo es heisst:

"Gott will, dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen."

Wenn Gott will, dass alle Menschen zum Glauben kommen, dann kann doch nicht ein Teil verworfen werden! Wenn der menschliche Wille vor Gott keine Kraft hat, warum finden dann nicht alle Menschen zum Glauben?

Die lutherische Antwort auf diese Fragen, im Gegensatz zu Calvin und den Reformierten, ist kurz gesagt: Erwaehlung und Verwerfung sind in Gott nicht gleichwertige Alternativen, die geheimnisvoll in ihm verborgen sind. Die Erwaehlung hat den Vorrang, und wo wir zum Glauben an das Evangelium kommen, da duerfen wir gewiss sein, wir sind erwaehlt.

So ist es im Konkordienbuch formuliert, der Lehrgrundlage der lutherischen Kirche von 1580, in Artikel 11:

"Die Schrift will mit dieser Lehre

> uns auf das Wort Gottes hinweisen;

> uns zur Busse anleiten;

> uns den Glauben staerken;

> und uns unserer Seligkeit vergewissern."

Und ein anderes Zitat: "Die ewige Wahl Gottes ist eine Ursache, die unsere Seligkeit schaffet und befoerdert, dass 'die Pforten der Hoelle nichts dagegen vermoegen'; wie geschrieben steht: 'Meine Schafe wird niemand aus meiner Hand reissen.'"

Nach lutherischer Auffassung hat die Lehre von Gottes Erwaehlung nichts mit Angst vor Verwerfung oder Verdammung zu tun. Sie soll zweierlei bei uns bewirken:

1. Dass wir demuetig vor Gott sind. Wenn wir zum Glauben finden, wenn wir etwas Wertvolles fuer Gott und Menschen tun koennen – dann bekennen wir: Es ist Gottes Kraft, die das in uns tut. Wir allein waeren dazu nicht faehig, es ist Gottes Gnade, die uns beschenkt und gebraucht.

2. Dass wir Gewissheit im Glauben haben. Unser Heil gruendet nicht auf unserem oft schwachen Glauben, sondern auf Gottes Erwaehlung. Gott hat uns als seine geliebten Kinder erwaehlt, und er wird uns bewahren, fuehren und helfen, weit ueber unseren schwachen und inkonsequenten Glauben hinaus.

Und das bedeutet – wie Paulus hier in Roemer 9 betont -: Es gibt besondere Zeiten der Gnade im Leben von Menschen und Voelkern. Denken wir nur an unser eigenes Leben. Da gab es bestimmte Momente, als sich uns der Glaube erschlossen hat. Wo wir verstanden haben, was der Glaube fuer unser Leben bedeuten kann. Weil Menschen uns das durch Wort und Tat besonders bezeugt haben. Weil wir Erfahrungen im Leben gemacht haben, manchmal sehr dramatische und schmerzhafte, durch die wir begriffen haben, wie wertvoll der Glaube ist. Und das waren Momente der Entscheidung: Lassen wir uns auf den Glauben ein? Hoeren wir auf Gottes Wort? Lassen wir uns jetzt von Gott fuehren? Oder verweigern wir uns dem? Wollen wir mit einem Leben ohne Jesus weitermachen? Der Moment der Gnade ist auch der Moment der Entscheidung. Wo Gott uns seine Gnade erfahren laesst, da werden wir befreit, ein Ja oder ein Nein zu seiner Gnade zu sprechen.

Paulus spricht von so einem Moment der Gnade. Das Evangelium geht hinaus zu vielen Voelkern. Im gleichen Moment weigern sich viele in Israel, an Jesus zu glauben. Und nun geschieht ausserhalb des juedischen Volkes, was Paulus in Vers 26 so beschreibt:

"Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: 'Ihr seid nicht mein Volk', sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden."

D.h. Paulus ist Zeuge eines Momentes grosser Gnade: Die Erwaehlung Gottes geht ueber den Bereich Israels hinaus, hinein in die weite Voelkerwelt.

Am Dienstag sprach ich mit meinem Dekan David Tin von der Rhenish Church in Markham, der sagt: Zur Zeit gibt es in China so einen Moment der Gnade, viele Menschen, die zum Glauben an Jesus finden, schnellwachsende christliche Gemeinden.

Vor 10 Jahren durfte ich das in Ostafrika erleben. Im Volk der Massai fanden viele zu Christus, es gab eine Oeffnung auf breiter Front fuer die Kirche.

Meine Familie und ich lebten von 1993 bis 1999 in Tansania, etwa 100 km suedlich vom Kilimanjaro, dem hoechsten Berg Afrikas. In meinem Gebiet hatte ich hauptsaechlich mit zwei Voelkern zu tun: den Pare, einem Volk von Bergbauern, und den Massai. Sie sind Viehnomaden, grosse, schlanke Gestalten, mit ihren leuchtend roten Tuechern auf vielen Fotos und Postern von Afrika abgebildet. Sie waren immer stolz auf ihre Traditionen, und obwohl es seit ueber 100 Jahren missionarische Bemuehungen um sie gab, hatten sich doch nur wenige der Kirche geoeffnet.

In den achtziger Jahren aber veraenderte sich das. Und wenn ich am Samstag und Sonntag in die Steppe fuhr, um Gottesdienst zu halten, konnte ich jedes Mal mindestens 10 Menschen taufen. Viele Kinder natuerlich, denn Afrika hat weiterhin weltweit die hoechste Geburtenrate. Aber auch viele Jugendliche und Erwachsene. Wir hatten einmal ein Weihnachtsfest mit einem absoluten Spitzenwert: 50 Taufen in einem Gottesdienst: 30 Kinder, 10 aeltere Erwachsene, 10 junge Leute.

Das hat viele Ursachen. Nachher kann ich mehr dazu erzaehlen. Ich will jetzt nur sagen: Es war schoen, die Begeisterung der Menschen fuer Jesus zu erleben, dabei zu sein in der Zeit dieses Aufbruchs, gerade im Vergleich zu der Kirche in Deutschland, wo die Mitgliederzahlen zurueckgehen, wo kirchlicher Alltag oft so muehsam ist.

 Und die Erfahrung war so, wie Paulus es in Roemer 9 schildert (V. 25+26):

 "Gott spricht: 'Ich will das mein Volk nennen, das nicht mein Volk war'... Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: 'Ihr seid nicht mein Volk", sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.'"

Wir waren unterschiedlichen ethnischen Ursprungs, und doch kamen wir alle in einem Gottesdienst zusammen. Schwarze und Weisse, Massai und Pare.

 Ich war nicht nur als Entwicklungshelfer oder Regierungsfachmann bei ihnen, der ihnen half oder sie in irgendeiner Sachfrage beriet, obwohl Projekte wie Health Centre, Alphabetisierungsprogramm und Frauengruppen eine grosse Rolle spielten. Als Weisser durfte ich ihr Pastor und Seelsorger sein, wir beteten zusammen, sie vertrauten mir ihre Sorgen an, wir feierten Abendmahl zusammen.

Die Massaihirten und die Parebauern waren frueher verfeindet. Ich habe ein Buch mit Geschichten aus dem Parevolk, und viele erzaehlen von Ueberfaellen der Massaikrieger auf Paredoerfer, wo viele Menschen starben und das Vieh gestohlen wurde. Aber Jesus Christus brachte diese frueher verfeindeten Menschen zusammen. Miteinander versoehnt durch Jesus, der am Kreuz fuer ihre Schuld gestorben ist, durften sie miteinander singen, beten, Abendmahl feiern, geliebte und erwaehlte Kinder des einen Gottes sein. Wirklich ein Moment der Gnade in der Geschichte dieser Voelker.

Bei den Massai gab es frueher einen problematischen Erwaehlungsglauben. Frueher erzaehlten sie folgende Geschichte: Am Anfang der Welt, als Gott die Welt und die Tiere und die Menschen schuf, gab es zuerst drei Brueder. Jedem dieser drei ersten Menschenbrueder gab Gott einen bestimnten Gegenstand und damit eine besondere Verantwortung. Dem ersten Bruder gab Gott eine Hacke, und er wurde der Ahnherr der Bauern. Dem zweiten gab Gott Pfeil und Bogen, und er wurde der Ahnherr der Jaeger. Dem dritten gab Gott den Hirtenstab und sagte: "Dir und deinen Nachkommen soll alles Vieh auf Erden gehoeren." Er wurde der Ahnherr der Massai, die veraechtlich auf die Bauern herabschauten, weil sie muehsam in der Erde graben muessen, die ueber die Jaeger lachten, weil sie lange hinter dem Wild hinterherlaufen muessen. Und wenn die Massai Nachbardoerfer ueberfielen, das Vieh raubten, Menschen umbrachten, glaubten sie sich im Recht, denn Gott hatte sie erwaehlt zu den Herrschern Ostafrikas, und alles Vieh war nach Gottes Willen ihr Eigentum.

Das war ein sehr problematischer Erwaehlungsglaube. Einen ganz anderen Erwaehlungsglauben finden wir in einem Suahili-Lied aus dem tansanischen Gesangbuch:

 Ee, watoto njooni,

njooni Golgota,

mtazameni

Yesu aumizwavyo!

Das heisst uebersetzt: "Kinder, kommt, kommt nach Golgata, schaut, welche Leiden Jesus fuer uns auf sich nimmt!"

Erwaehlung im Neuen Testament heisst: Alle Menschen sind Kinder Gottes, allen gilt die Heilsbotschaft, alle sind in die Gemeinschaft der Versoehnten gerufen, alle sind eingeladen, ein Leben im Vertrauen auf Gott, den himmlischen Vater, zu fuehren.

Von dieser Erwaehlung spricht Paulus im Roemerbrief, und diese Erwaehlung ist unsere Hoffnung, die Hoffnung fuer die ganze Welt! Amen.

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